Zum Inhalt springen
Ein Reiseblog aus der Slowakei. Seit 2013.
Slowakei9 Min. Lesezeit

Was du in Bardejov sehen solltest – laut Milan Bez Mapy

Was in Bardejov sehen? Häuser, die du an den Fenstern liest, die Henkersbank in der Basilika, der Blick vom Turm, die John-Lennon-Gasse und die Synagoge.

Sehenswürdigkeiten in Bardejov in der Slowakei
Was du in Bardejov sehen solltest – laut Milan Bez Mapy

Bardejov (Bartfeld) ist für mich mehr als ein hübscher Marktplatz. Ich habe der Stadt einen Tag gegeben und mit einer Stadtführerin die Geschichten der Häuser entdeckt, die Henkersbank in der Basilika, die Schulbastei (Školská bašta) und das jüdische Suburbium. Wenn du mehr Zeit hast, verbinde den Besuch mit dem Kurort Bardejovské Kúpele, wo ich zwei Tage verbracht habe.

Auf einen Blickvon Milan Bez Mapy
Wie viel Zeit
Für die Stadt reicht ein Tag. Ich habe zwei Tage dem sechs Kilometer entfernten Kurort Bardejovské Kúpele gegeben und einen der Stadt
Wie ich hinkam
Mit dem Flugzeug von Bratislava nach Košice, Mietwagen am Flughafen, bis Bardejov eine Stunde und zwanzig Minuten
Lohnt sich
Eine Stadtführerin. Ohne sie wäre ich an allen Geschichten der Stadt achtlos vorbeigelaufen
Trick am Marktplatz
Zähl die Fenster an den Fassaden. Ein Bürger hatte drei, ein Adliger vier, das Pfarrhaus fünf
Steinerner Junge
Er sitzt am Rathauseingang. Ich habe ihn erst beim dritten Versuch gefunden, du musst ein paar Schritte zurücktreten
Mein Lieblingsort
Die John-Lennon-Gasse mit dem Rockhaus. Wenn der Besitzer zu Hause ist, lässt er dich rein
Inhalt5 KapitelAusblendenAnzeigen
  1. 01Praktische Infos: So kommst du nach Bardejov
  2. 02Was du in Bardejov sehen solltest – laut Milan Bez Mapy
  3. Die Häuser am Marktplatz kann man an den Fenstern lesen
  4. Der steinerne Junge von Bardejov, den fast niemand findet
  5. In der Basilika hat der Henker seine eigene Bank und seine eigene Tür
  6. Vom Turm siehst du den Hügel, auf dem der Galgen stand
  7. Die Schulbastei und ein Klassenzimmer von 1962
  8. John-Lennon-Gasse
  9. 03Suburbium, Synagoge, Holocaust-Denkmal und die Juden von Bardejov
  10. 04Die Melodie, die du kennst, heißt Erinnerung an Bardejov
  11. 05Was du im Kurort Bardejovské Kúpele sehen kannst, wenn du in Bardejov bist

Was solltest du in Bardejov sehen? Ich fange mit einer Melodie an, die du kennst, auch wenn du es nicht weißt. Der Ungarische Tanz Nr. 5 von Brahms, dieses schnelle Geigenstück aus Werbung und Filmen. Brahms dachte, er greife ein Volkslied auf. In Wirklichkeit stammte es von einem lebenden Komponisten, der aus dieser Stadt kam, und es heißt Erinnerung an Bardejov. Darauf komme ich noch zurück, denn die Geschichte hat ein saftiges Ende.

Ich war einen Tag hier und habe einen hübschen Platz erwartet. Bekommen habe ich eine Stadt voller Geschichten, die mir niemand erzählt hätte, wenn ich niemanden zum Fragen gehabt hätte. Das hier sind die, die mir im Kopf geblieben sind.

Praktische Infos: So kommst du nach Bardejov

Nach Bardejov bin ich aus dem Kurort Bardejovské Kúpele gekommen, wo ich gewohnt habe. Das sind nur sechs Kilometer. Ursprünglich bin ich aber von Bratislava (Pressburg) nach Košice (Kaschau) geflogen und habe mir direkt am Flughafen ein Auto gemietet. Die Fahrt nach Nordosten hat eine Stunde und zwanzig Minuten gedauert.

Tipp von Milan Flüge von Wien nach Košice kannst du auf Omio vergleichen, Mietwagen auf Discover Cars.

Für die Stadt habe ich mir einen ganzen Tag genommen und eine Stadtführerin gebucht. Das ist das Einzige von der ganzen Reise, das ich auch empfehlen würde, wenn mich niemand dafür bezahlen würde. Den Platz hast du in zwanzig Minuten umrundet. Aber ohne Führung wäre ich an allem vorbeigelaufen, was in diesem Artikel steht, und hätte nichts davon bemerkt.

Was du in Bardejov sehen solltest – laut Milan Bez Mapy

Die Häuser am Marktplatz kann man an den Fenstern lesen

Den Platz säumen 46 Bürgerhäuser, und seitdem ist kein einziges dazugekommen und keines verschwunden. Hier habe ich einen Trick gelernt, den ich seitdem auch in anderen Städten anwende.

Zähl die Fenster an der Fassade. Ein Bürger hatte drei, ein Adliger vier, das Pfarrhaus fünf. Du gehst die Häuserreihe entlang, zählst Fenster und liest eigentlich, wer hier vor fünf Jahrhunderten reicher war.

Bürgerhäuser am Marktplatz von Bardejov
Häuser am Marktplatz von Bardejov
Blick von der Basilika auf den Marktplatz von Bardejov
Blick von der Basilika auf den Marktplatz von Bardejov

Und noch etwas, das mir nicht aus dem Kopf ging. Das Pflaster, über das du läufst, ist nicht das ursprüngliche. Das liegt etwa siebzig Zentimeter unter dir. Die Stadt ist mehrmals abgebrannt, und der Schutt wurde nie weggeschafft. Man hat ihn nur verteilt und darauf weitergebaut. So sind manchen Häusern mit der Zeit die kleinen Kellerfenster verschwunden.

Der steinerne Junge von Bardejov, den fast niemand findet

Am Renaissanceportal des Rathauses sitzt eine kleine steinerne Figur: ein Junge, der den Kopf zwischen den Beinen hat und den Bürgerhäusern den Hintern entgegenstreckt. Angeblich tauchte er über Nacht auf. Angebracht hat ihn ein Steinmetz, dem man weniger gezahlt hatte als versprochen. Im Lauf der Jahrhunderte ist aus der Stadt so einiges verschwunden, aber den Jungen hat nie jemand heruntergeholt.

  • Tipp von Milan Ich habe ihn erst beim dritten Versuch gefunden und musste ein paar Schritte zurücktreten. Aus der Nähe siehst du ihn nicht.

Bei der Restaurierung des Rathauses zeigte sich außerdem, dass sich hier früher jemand ordentlich gelangweilt hat. An der Wand fand man Zeichnungen, die heute als erotisch gelten. Eine nackte Frau und Papageien in ziemlich eindeutiger Stellung. Seggs, wie man heute sagt.

Rathaus: Drinnen ist die Ausstellung des Šariš-Museums (Šarišské múzeum) zur Geschichte von Bardejov. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag, von Oktober bis April 8:30–12:00 und 12:30–16:00, von Mai bis September 9:00–12:00 und 12:30–17:00. Erwachsene zahlen 6 €, Studierende und Rentner 3 €, Kinder von 6 bis 15 Jahren 2,50 € (Preise 2026).

Der steinerne Junge von Bardejov, den fast niemand findet
Der steinerne Junge von Bardejov, den fast niemand findet

In der Basilika hat der Henker seine eigene Bank und seine eigene Tür

Die Basilika St. Ägidius (Bazilika svätého Egídia) ist voller Altäre, aber am meisten hat mich eine ganz gewöhnliche Holzbank gepackt. Das ist die Henkersbank. Wenn er darauf saß, konnten ihn die Leute im Hauptschiff nicht sehen. Und direkt dahinter ist eine Tür, die man extra für ihn gemacht hat, damit er nicht wie alle anderen durch den Haupteingang hereinkommen musste.

Dabei war er der bestbezahlte Mann der Stadt. Die Stadt brauchte ihn. Er vollstreckte die Todesstrafen, schaffte verseuchte Tiere weg und reinigte bei Epidemien die Straßen. Gleichzeitig hatte er im Wirtshaus einen eigenen Tisch, durfte manche Straßen nicht betreten, musste draußen eine Kapuze tragen und konnte im Grunde nur in andere Henkersfamilien einheiraten. Das Amt war erblich.

Diese Bank ist für mich der ehrlichste Gegenstand der Stadt. Die Stadt bezahlte einen Mann für die Drecksarbeit und baute ihm dann einen eigenen Eingang, um ihn beim Beten nicht sehen zu müssen. Zwei Dinge solltest du dort noch suchen. Während Corona wurde hier die alte Eingangstür restauriert. Beim Vermessen des Holzes passte etwas nicht, und unter der Tür fand man eine weitere Tür, von der niemand etwas wusste.

Und ein altes Gemälde gab man im 19. Jahrhundert einem schlechten Meister zur Reparatur. Die Figur am Rand hat statt Händen Stümpfe, die Beine sind krumm und Jesus ist ungewöhnlich dick. Seinen historischen Wert hat das Bild verloren, aber man hat es hängen lassen, und das fand ich sympathischer, als wenn man es versteckt hätte.

Henkersbank und Henkerstür in der Basilika St. Ägidius in Bardejov
In der Basilika hat der Henker seine eigene Bank und seine eigene Tür
Basilika St. Ägidius in Bardejov
Basilika St. Ägidius

Vom Turm siehst du den Hügel, auf dem der Galgen stand

Auf den Turm bin ich über eine enge Einbahntreppe gestiegen, auf der eine einfache Regel gilt: Wer hinaufgeht, hat Vorrang. Oben siehst du den ganzen Grundriss der Stadt und auf dem Hügel gegenüber ein Doppelkreuz. Er heißt Šibeňa hora, also Galgenberg, und dort stand der Galgen. Der Henker hatte also seine Bank unten in der Kirche und seine Arbeit dort oben. Das eine sieht man vom anderen aus.

Der Henker von Bardejov auf dem Marktplatz
Der Henker von Bardejov auf dem Marktplatz
Besuch im Rathaus von Bardejov
Besuch im Rathaus von Bardejov
Wandzeichnungen im Rathaus von Bardejov
Wandzeichnungen im Rathaus von Bardejov

Die Schulbastei und ein Klassenzimmer von 1962

Die Stadtbefestigung von Bardejov gehört zu den am besten erhaltenen in der Slowakei, und um jede Bastei kümmerte sich früher eine Zunft. In eine davon bin ich dank eines Mannes gekommen, der sie während Corona übernommen und ausgeräumt hat. Die Ausstellung drinnen handelt aber nicht vom Mittelalter. Sie handelt vom Jahr 1962, als die Bastei zuletzt renoviert wurde. Dort steht ein komplett eingerichtetes Klassenzimmer aus den Sechzigern: Bänke, Landkarten, Schulbücher. Vieles davon haben Leute gespendet oder es wurde neben Müllcontainern gefunden.

Mir hat das mehr Spaß gemacht als erwartet. Eine mittelalterliche Stadt kann ich mir aus Filmen vorstellen. Wie ein Klassenzimmer im Sozialismus aussah, daran erinnern sich immer weniger Leute.

Schulbastei in Bardejov mit einem Klassenzimmer von 1962
Die Schulbastei und ein Klassenzimmer von 1962
Schulbastei in Bardejov mit einem Klassenzimmer von 1962
Die Schulbastei und ein Klassenzimmer von 1962

John-Lennon-Gasse

Damit hatte ich nicht gerechnet, und es ist mein Lieblingsort in der Stadt. Ein Mann hat einen großen Teil seines Lebens der Erinnerung an John Lennon gewidmet. Am Haus hat er die Noten von Give Peace a Chance, am Zaun Tafeln mit Bandnamen und am Weg Steine mit den Namen der Mitglieder und den Jahren, in denen die Bands gegründet wurden und sich auflösten. Heute sagt man eher Rockhaus dazu und zur Gasse daneben John-Lennon-Gasse (Ulička Johna Lennona). Gut möglich, dass es die kürzeste Straße der Slowakei ist. Sie besteht im Grunde aus zwei Häusern.

Es ist kein offizielles Museum. Wenn der Besitzer zu Hause ist, lässt er Leute rein, also klär vor dem Besuch, ob du hineinkommst. Eine Stadt mit UNESCO-Stempel und mittelalterlichem Marktplatz, und am meisten gefreut hat mich die lebenslange Besessenheit eines einzelnen Typen.

@milan_bezmapy+249.000 Follower
Folge mir auf Instagram

Suburbium, Synagoge, Holocaust-Denkmal und die Juden von Bardejov

Historische Marktplätze gibt es auf der Welt viele. Als Bardejov im Jahr 2000 in die UNESCO-Liste aufgenommen wurde, fiel etwas anderes stark ins Gewicht: ein erhaltenes Ensemble jüdischer Bauten am Rand der Altstadt, wo alles beisammen ist, was die Gemeinde brauchte.

Diese Gemeinde stellte mehr als ein Drittel der Einwohner der Stadt. Mehr als 3700 Menschen wurden deportiert, und heute lebt in Bardejov kein einziger Jude mehr. Dabei steht im Zentrum ein Bethaus, das anders erhalten ist als die meisten ähnlichen Gebäude in Mitteleuropa. Nicht, weil es jemand geschützt hätte. Nach den Deportationen nahm eine Frau den Schlüssel an sich und verdunkelte die Fenster, damit das Gebäude keine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Am Suburbium steht ein Holocaust-Denkmal. Durchgesetzt hat es ein Mann, der in Bardejov geboren wurde, die Deportation überlebte, heute über neunzig ist und immer noch herkommt. Auf den Marmortafeln stehen die Namen der Deportierten. Nicht einfach alphabetisch. Die Familien stehen beisammen: Vater, Mutter und dahinter die Kinder nach Alter. Wenn du an den Tafeln entlanggehst und die Geburtsjahre liest, findest du unter den Namen auch Dreijährige. Keiner dieser Menschen fuhr zum Arbeiten weg, und in der Stadt wusste man das. Die letzte Tafel ist absichtlich leer. Es kommen immer noch Namen dazu.

Synagoge im jüdischen Suburbium und Holocaust-Denkmal in Bardejov
Suburbium, Synagoge, Holocaust-Denkmal und die Juden von Bardejov

Daneben hängt eine Tafel der Gerechten. Namen von Menschen, die ihre Nachbarn versteckten, obwohl sie wussten, dass es sie das Leben kosten konnte. Die Stadtführerin sagte mir einen Satz, der auf diesen ganzen Artikel passt: Die offiziellen Zahlen kannst du googeln, aber Bardejov, das sind die Geschichten von Familien, an die sich ältere Leute hier noch erinnern. Eine davon ist mir im Kopf geblieben:

„Als man die Kolonne wegführte, schob ein kleiner Junge aus einer dieser Familien einen Roller. Ein Junge, der auf dem Gehweg stand, fragte, ob er ihn ihm leiht. Er wollte ihn nicht hergeben. Sein Vater sagte ihm, er solle ihn ihm geben, sie würden ihn nicht mehr brauchen.“

Synagoge im jüdischen Suburbium und Holocaust-Denkmal in Bardejov
Suburbium, Synagoge, Holocaust-Denkmal und die Juden von Bardejov

Die Melodie, die du kennst, heißt Erinnerung an Bardejov

Und jetzt das versprochene Ende der Geschichte vom Anfang. Béla Kéler wurde 1820 in Bardejov geboren und schrieb Tänze, die in ganz Europa gespielt wurden. Eines seiner Stücke nannte er Bártfai emlék, also Erinnerung an Bardejov.

Brahms nahm die Melodie als Grundlage für seinen Ungarischen Tanz Nr. 5, weil er überzeugt war, es sei ein Volkslied. Als Kéler protestierte, schrieb Brahms ihm sinngemäß zurück, ein Komponist könne kein größeres Kompliment bekommen, als wenn Dorfbewohner seine Melodie als ihre eigene singen. Übrigens heißt es in der Stadt manchmal, Kéler sei zu Hause in Bardejov gestorben. Ist er nicht. Er starb in Wiesbaden. Eine der meistgespielten Melodien der klassischen Musik trägt im Original also diese Stadt im Titel. Und fast niemand weiß es.

Was du im Kurort Bardejovské Kúpele sehen kannst, wenn du in Bardejov bist

Sechs Kilometer von der Stadt entfernt liegt der Kurort Bardejovské Kúpele, wo ich gewohnt habe. Acht Mineralquellen in einer überdachten Kolonnade, das älteste Freilichtmuseum der Slowakei und Aussichtstürme in der Umgebung. Ich habe es so aufgeteilt, dass zwei Tage dem Kurort gehörten und einer der Stadt. Darüber, was du in Bardejovské Kúpele sehen kannst, habe ich extra geschrieben.

Gute Reise!

*Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Tourismus und Sport der Slowakischen Republik und der regionalen Tourismusorganisation Šariš Bardejov.

Milan Bez Mapy
Geschrieben von
Milan Bez Mapy

Slowakischer Reiseblogger, der seit 2013 Slowaken von ihren Bürostühlen holt. Autor des Buches Influencer und Gründer des Blogs Bez Mapy.