Zum Inhalt springen
Ein Reiseblog aus der Slowakei. Seit 2013.
Slowakei3 Min. Lesezeit

Das Wandbild im Hauptbahnhof Bratislava und seine versteckten Botschaften

Tausende gehen jeden Tag darunter hindurch, ohne hochzuschauen. Was das Propagandafresko von František Gajdoš aus dem Jahr 1960 im Hauptbahnhof Bratislava wirklich zeigt, erkläre ich Szene für Szene.

Fresko von František Gajdoš in der Haupthalle des Hauptbahnhofs Bratislava
Das Wandbild im Hauptbahnhof Bratislava und seine versteckten Botschaften

Das Fresko in der Halle des Hauptbahnhofs Bratislava (Bratislava hlavná stanica) ist mehr als Dekoration. František Gajdoš malte es 1960, und es ist ein Stück sozialistischer Propaganda. Ich finde, es lohnt sich, kurz stehen zu bleiben und es mit diesem Wissen anzuschauen. Wenn du das nächste Mal auf deinen Zug wartest, schau nach oben.

Inhalt2 KapitelAusblendenAnzeigen
  1. 01Das Wandbild im Hauptbahnhof Bratislava steckt voller sozialistischer Propaganda
  2. Die versteckten Botschaften im Wandbild von František Gajdoš, Szene für Szene
  3. 02Warum ist das Wandbild im Hauptbahnhof Bratislava heute noch wichtig?

Was zeigt eigentlich das große Wandbild im Hauptbahnhof Bratislava? Wenn du ab und zu von Bratislava aus mit dem Zug fährst, bist du wahrscheinlich schon dutzende Male daran vorbeigelaufen. Vielleicht sogar hundertmal. Trotzdem könntest du vermutlich nicht sagen, was genau darauf zu sehen ist und warum es überhaupt dort hängt.

Es geht um das große Fresko in der Haupthalle des Hauptbahnhofs Bratislava, direkt über unseren Köpfen. Die meisten Leute sind mit ihren Koffern beschäftigt, mit dem verspäteten Zug oder dem Kaffee to go. Kaum jemand bleibt stehen und schaut hoch. Dabei gehört es zu den auffälligsten Bildern, die die kommunistische Zeit in der Stadt hinterlassen hat.

Das Wandbild im Hauptbahnhof Bratislava steckt voller sozialistischer Propaganda

Gemalt hat dieses monumentale Bild 1960 der akademische Maler František Gajdoš. Es sollte weder „schön bunt“ sein noch das Warten auf den Zug angenehmer machen. Es ist ein Werk des sozialistischen Realismus. Dieser offizielle Kunststil hatte eine Aufgabe: überzeugen. Nicht subtil. Sondern ganz direkt. Kunst sollte damals keine Fragen stellen. Sie sollte Antworten geben. Am besten nur eine: die richtige.

Die versteckten Botschaften im Wandbild von František Gajdoš, Szene für Szene

Wenn du genau hinschaust, erkennst du mehrere klar getrennte Szenen voller Symbolik. Links stehen drei Männer in Anzügen, eine Karikatur der Kapitalisten. Das Regime jagt sie symbolisch davon, einer lässt sogar seine Waffe fallen.

Die Botschaft ist klar: Die alte Welt hat verloren. Gleich daneben ein Arbeiter, ein Intellektueller und eine Fahne. Arbeit, Bildung und Staat, die ideale Mischung, auf der die neue Welt aufbauen sollte.

In der Mitte stehen Frauen in Trachten aus verschiedenen Ländern. Sie sollten Einheit, Frieden und Völkerfreundschaft verkörpern. Papier ist geduldig. Die Wirklichkeit war, gelinde gesagt, komplizierter. Und dann kommt der Höhepunkt des ganzen Freskos: der Sputnik, eine Rakete und Ingenieure. Eine Anspielung darauf, dass die Sowjetunion „vor Amerika im All“ war. Technischer Fortschritt, Wissenschaft, Zukunft. Zumindest sollte es so aussehen. Auf dem Bild im Hauptbahnhof jagt eine versteckte Botschaft die nächste.

Wandbild von František Gajdoš im Hauptbahnhof Bratislava mit seinen symbolischen Szenen
Was die Szenen im Wandbild von František Gajdoš bedeuten
@milan_bezmapy+249.000 Follower
Folge mir auf Instagram

Warum ist das Wandbild im Hauptbahnhof Bratislava heute noch wichtig?

Weil es authentisch ist. Nichts daran ist im Nachhinein entstanden, mit Abstand oder mit Ironie. Es ist ein Kind seiner Zeit, durch und durch. So sah sich das Regime selbst, und so wollte es von allen anderen gesehen werden. Faszinierend finde ich, dass dieses massive Stück Ideologie bis heute dort hängt, wo täglich Tausende Menschen unterwegs sind. Und kaum einer nimmt es wahr.

Eine Verherrlichung des Kommunismus ist es allerdings nicht. Es ist ein Zeitzeugnis. Es erinnert daran, wie man damals mit dem öffentlichen Raum, mit Kunst und mit dem Denken der Menschen umging. Etwas mehr Kontext würde ihm vielleicht guttun. Eine Beschreibung. Eine Erklärung. Denn ohne sie bleibt es nur „irgendein großes Bild“, und das ist schade. Heute zerbrechen wir uns den Kopf darüber, wie man günstig Flüge bucht. Damals hatte man andere Sorgen.

Und was ist mit der Sanierung des Bahnhofs? Der große Umbau des Hauptbahnhofs hat noch nicht begonnen. Die Planung läuft bis Ende 2026, Baubeginn soll 2027 oder um den Jahreswechsel 2027/2028 sein. Der Bahnhof bleibt während der Arbeiten in Betrieb. Nach allem, was bisher bekannt ist, sollen das Fresko und die Marmorverkleidung rundherum auf Wunsch der Denkmalpflege erhalten bleiben.

Wenn du das nächste Mal am Hauptbahnhof Bratislava auf deinen Zug wartest, bleib kurz stehen. Heb den Kopf. Schau nach oben.

Milan

Milan Bez Mapy
Geschrieben von
Milan Bez Mapy

Slowakischer Reiseblogger, der seit 2013 Slowaken von ihren Bürostühlen holt. Autor des Buches Influencer und Gründer des Blogs Bez Mapy.